06. November 2020 I die BLAUE WAND - Digital I Teil XXI I Niko Neuwirth I „blaue wand_061120 "

Ich warte auf dlogo nikoie Nacht.
Tief in der Nacht, wenn Frankfurt zu schlafen scheint bin ich auf dem Weg in die Stadt. Mit dabei meine Kamera und ein Stativ.
Ich erreiche das Objekt, welches ich meist schon eine Zeit zuvor beobachtet habe. In einiger Entfernung bewege ich mich erneut um den Spot und schaue mich um.
Arbeiten hier noch Menschen?
Wie ist die Atmosphäre?
Passiert irgendetwas auffälliges?
Ich checke erneut das Gelände von außen und versuche möglichst unauffällig zu bleiben.
Wo sind die Überwachungskameras, gibt es Securities?
Manchmal erschweren Bewegungsmelder den Zugang.
Ich bin voll da. Alles klar, es geht los.
Ich spüre meine steigende Aufregung und das Adrenalin.
Ich bin drin, auf der Baustelle, im Geschehen. Ich passe weiter auf, das ich nicht gesehen werde.
Zügig laufe ich durch die blendenden Lichter der großen Scheinwerfer, vorsichtig schleiche mich durch die Dunkelheit, hinter den Bauzäunen, verdeckt im Schatten von schweren Geräten und palettenweise Werkstoffen.
Es gibt verschiedene Wege, nach oben zu kommen: meist sind es Kräne oder Gerüste oder halb fertig gebaute Hauseingänge, über die ich nach oben gelange. Sprossen, Stufen, Tritte– ich will bis ganz nach oben, was oft mit großer körperlicher Anstrengung verbunden ist.

Ich bin oben angekommen.
Die magische Atmosphäre in der Stadt bei Nacht zieht mich seit Jahren in ihren Bann.
Ich baue meine Kamera auf. Ich richte mich ein. Langsam werde ich ruhiger und fokussierter. Ich genieße jetzt den Ausblick, die Höhe, die Ruhe, die Stille der Nacht, das alleine sein. Ich orientiere mich, entdecke bekannte Häuser, Plätze, Orte. Immer wieder bin ich aufs neue überwältigt von dem Anblick, der sich mir von oben bietet.
Ich finde eine erste Bildperspektive und beginne zu fotografieren.

Die Zeit vergeht schnell.
Das Adrenalin lässt nach, ich spüre die Anstrengung des Aufstiegs.
Ich finde noch mehr Perspektiven und interessante Bildausschnitte.
Das Zeitfenster ist meist klein: im Sommer habe ich weniger Zeit als im Winter. Ich bereite mich für den Abstieg vor– ich muss los, es wird langsam hell und ich begegne sonst den ersten Arbeitern der Baustelle.

Ich bin wieder unten.
Ich lausche in die langsam endende Nacht– bin ich noch alleine oder wurde ich gesehen? Ich höre ein paar frühe Autos, Vögel, nur sehr wenige Stimmen. Ich schlüpfe wieder hinaus auf die Straße, bin wieder draußen und verschwinde, fast, als wäre ich nie da gewesen.

Fotografieprojekt / bin gleich wieder weg
Jahr um Jahr wird Frankfurt am Main größer, höher und bebauter. Neben traditionellen Häusern, Plätzen und Gassen befindet sich die Stadt dennoch kontinuirlich im Wandel mit all ihren Neubauten, Kranlandschaften, Umleitungen, Abrissen und den verbundenen Baustellen und Absperrungen. Hinter Zäunen und Sichtschutz stehen schweres Gerät, große Kräne und es ist laut, es hämmert, es knallt, es bohrt, es macht Dreck, es ist Arbeit.
In der Nacht, wenn auch die größte Baustelle mal kurz ruht, bricht Niko Neuwirth auf, der sich diesen ruhigen Moment zu eigen macht und ihn mit seiner Kamera festhält. Diese fotografische Sicht auf die gespannte, kribbelnde Atmosphäre der Nacht, offenbart feine Details, berichtet von uns so nicht gekannten Orten, überrascht mit waghalsigen Perspektiven und erzählt von einem gespannten Augenblick zwischen drinnen und draußen, unten und oben, ankommen und dem gleich wieder weg sein.

In 2017, noch unter dem Arbeitstitel „Frankfurter Nächte", begann Niko Neuwirth mit seinem Fotografieprojekt. Nun den Titel „bin gleich wieder weg" tragend, konnte eine feine Auswahl aus den nächtlich erworbenen Bildtrophäen getroffen werden, welche in einem Buch zusammengestellt werden. Das geplante Buch zeigt dann Bilder von 2017 bis 2020.

Niko Neuwirth lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Frankfurt als freiberuflicher Fotograf. Der aktuelle Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Theaterfotografie und der politischen Medienarbeit. Neben seiner fortlaufenden Arbeit „facing europe", in der er Menschen aus Europa portraitiert, arbeitet er an zwei weiteren Langzeitprojekten „analog frankfurt" und „bin gleich wieder weg".

https://www.nikoneuwirth.de/ https://www.instagram.com/nikoneuwirth/ https://www.facebook.com/nikoneuwirth.photography

Die „blaue wand_061120 " ist vom 06.November bis 20.November 2020 online präsent auf -
blaueshaus-frankfurt.de II Projekt „die Blaue Wand“ wie auch analog am Niederräder Ufer 2 / Ruine am Blauen Haus.

Am Freitag, den 06.Nov.2020 laden wir von 18 bis 20 Uhr zu einem lockeren Vernissage-Umtrumk ein.
Abstandsregeln werden eingehalten und bitte bringt euren Mund-Nasenschutz mit.
 
die BLAUE WAND - Neu ist ein Kooperationsprojekt mit dem Blauen Haus e.V. www.blaueshaus-frankfurt.de.
Die Blaue Wand - Neu wird 2019 gefördert durch das Programm  image003 der Caritas Frankfurt am Main image001,
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